Live-Mix in schwieriger Akustik: Warum wir nah mischen und den Raum rausnehmen

Beton, Flatterecho, Übersprechen: ein Fachartikel aus der Praxis, am Beispiel eines Konzertfilms im NATO-Bunker

Bei Live-Aufnahmen gilt oft der Grundsatz: Der Raum gehört zum Konzert, also gehört er auch in die Aufnahme. Bei Klassik stimmt das. Bei Bands sehen wir es meistens anders. Ein Club, eine Halle oder ein Proberaum klingt für das Publikum vor Ort lebendig. In einer Aufnahme, die man später über Kopfhörer hört, wird derselbe Raum schnell zum Problem: Er verschmiert die Transienten, frisst Durchsichtigkeit und klebt an jeder Spur fest.

Deshalb mischen wir Bands auch live nah und direkt. Den Raum des Abends nehmen wir so weit wie möglich raus und bauen ihn im Mix kontrolliert wieder auf. Wie das in der Praxis aussieht, zeigen wir an einem Extremfall: dem Konzertfilm, den wir für unsere Reihe WeLive mit Attila Reißmann in einem ehemaligen NATO-Bunker in Lahr gedreht haben.

Der Extremfall: ein Betonraum mit Flatterecho

Gedreht wurde in einem einzigen, recht schmalen Raum: nackter Beton, kastenförmig, parallele Wände. Akustisch ist das ungefähr das Gegenteil eines Konzertsaals. Zwischen parallelen, harten Flächen pendelt der Schall hin und her und erzeugt ein Flatterecho, ein schnelles, metallisch klingendes „Prrr“ nach jedem Impuls. Bei Snare und Konsonanten im Gesang hört man es am deutlichsten.

Dazu kommt die Enge. Band, Technik und Kameras auf wenigen Quadratmetern bedeuten: Jedes Mikrofon hört alles. Das Gesangsmikro nimmt Becken und Gitarrenamp mit, die Overheads den Bass, die Tom-Mikros die Snare. Und alles, was ein Mikrofon von einem anderen Instrument einfängt, kommt mit dem Flatterecho des Raums.

Ein solcher Raum lässt sich im Mix nicht „wegdrehen“. De-Reverb-Werkzeuge können einen Teil des Raumanteils reduzieren. Je stärker man sie einsetzt, desto eher entstehen Artefakte, und Flatterecho mit seinen periodischen Reflexionen ist dafür ein besonders zäher Fall. Die wichtigste Entscheidung fällt deshalb vor dem Mix.

1. Die Entscheidung fällt bei der Aufnahme

Unser Grundsatz: so viel Direktsignal und so wenig Raum wie möglich auf jede Spur. Im Bunker hieß das konkret:

Das ist auch eine Absprache mit dem Live-Ton. Im Bunker hat Lars Hummel den Live-Sound gemacht. Was auf der Bühne laut ist, steht später auf allen Spuren. Je leiser die Bühne, desto sauberer die Aufnahme: In-Ear statt lauter Wedges und Amps, die nicht lauter sind als nötig, helfen dem Mix mehr als jedes Plugin.

2. Übersprechen reduzieren: maschinelles Lernen statt Gates

Früher war die Antwort auf Übersprechen das Gate: Unterhalb einer Schwelle wird die Spur stummgeschaltet. Bei Live-Aufnahmen hat das zwei Probleme.

Erstens ist das Übersprechen oft fast so laut wie das Nutzsignal. Ein Becken im Gesangsmikro oder eine Snare im Tom-Mikro liegt pegelmäßig zu nah am eigentlichen Signal, als dass eine Schwelle sauber trennen könnte. Das Gate flattert, öffnet zur falschen Zeit oder schneidet Ausklänge ab.

Zweitens ist ein Gate binär: offen oder zu. Wenn es offen ist, ist das komplette Übersprechen inklusive Raum wieder da, genau in dem Moment, in dem das Instrument spielt.

Deshalb arbeiten wir heute nur noch selten mit Gates und Expandern, etwa wenn eine Spur sehr klar vom Rest getrennt ist. Den Großteil erledigen wir mit Werkzeugen auf Basis von maschinellem Lernen, vor allem mit iZotope RX. Diese Werkzeuge erkennen, was zu einer Stimme oder einem Instrument gehört, und reduzieren den Rest, auch während das Instrument spielt. Ein Becken im Gesangsmikro wird leiser, ohne dass der Gesang „gegatet“ klingt.

Ganz ohne Kompromiss geht das nicht. Wer zu viel herausrechnet, hört schnell Artefakte: ein leicht „wässriger“ Klang, Lücken in Ausklängen. Wir arbeiten deshalb in Etappen und hören jede Spur im Zusammenhang mit dem Rest ab, nicht solo. Ziel ist nicht null Übersprechen, sondern so viel weniger, dass der Mix wieder Kontrolle hat.

3. Die DI-Akustikgitarre: den Klangkörper zurückholen

Eine Akustikgitarre über DI ist live praktisch: kein Feedback, kein Übersprechen, kein Raum. Schön klingt sie trotzdem selten. Ein Piezo- oder Tonabnehmersignal ist oft spitz, etwas nasal und hat wenig von dem, was eine Gitarre ausmacht: den Korpus, die Luft, die Resonanz des Holzes. Mit EQ allein bekommt man das kaum zurück.

Für solche Fälle haben wir schon öfter etwas ziemlich Verrücktes gemacht, das erstaunlich gut funktioniert: Wir spielen die DI-Spur im Studio über einen Mono-Lautsprecher ab, stellen eine echte Gitarre direkt davor und mikrofonieren diese Gitarre. Der Lautsprecher regt Decke und Korpus an, die Gitarre schwingt mit, und die Mikrofone nehmen genau den Anteil auf, der dem DI-Signal fehlt: den Klangkörper.

Re-Amping einer Akustikgitarre: Studiolautsprecher hinter einer Konzertgitarre, davor ein Großmembran- und ein Kleinmembranmikrofon
Der Aufbau im Studio: Lautsprecher hinter der Gitarre, Großmembran- und Kleinmembranmikrofon davor

Im Mix kommt dieses Signal dann zum DI dazu. Ein paar Punkte, auf die man dabei achten sollte:

4. Phase und Laufzeit ausrichten

Wenn mehrere Mikrofone dasselbe Instrument aus unterschiedlichen Abständen hören, kommen die Signale zeitversetzt an. Das kostet Druck und Bass, besonders bei Kick, Snare und Overheads.

Wir richten die wichtigsten Spurgruppen deshalb mit Auto-Align zueinander aus, für jede Aufnahme neu. Mikropositionen sind bei jedem Aufbau anders und verändern sich manchmal sogar während des Konzerts, wenn ein Stativ angestoßen wird. Eine Einstellung aus einem früheren Projekt passt deshalb nicht automatisch.

5. Drums stützen, wo der Raum zu viel genommen hat

Selbst mit naher Mikrofonierung kann eine Snare oder Bassdrum in einem schwierigen Raum dünn oder zu „raumig“ klingen. Dann stützen wir sie mit Samples, bei uns mit Addictive Drums, über Trigger aus der Originalspur.

Wichtig ist das Wort „stützen“. Wir ersetzen die Trommel nicht, sondern mischen das Sample dem Original bei. Das Original bleibt die Hauptsache und trägt Dynamik, Ghost Notes und Spielweise. Das Sample liefert nur den Anteil, den der Raum genommen hat. So bleibt es eine Live-Aufnahme. Und wir machen das nur, wenn es nötig ist, nicht als Standard.

6. Den Raum neu bauen

Wenn der echte Raum weitgehend draußen ist, klingt eine Live-Aufnahme erst einmal trocken, fast wie im Studio. Das ist der Moment, in dem wir den Raum zurückgeben, diesmal aber einen, den wir aussuchen: künstlicher Hall, der zum Song passt, und genug Tiefe, dass die Band wie eine Band in einem Raum klingt und nicht wie fünf Einzelspuren.

Ab hier mischen wir eine Live-Aufnahme im Grunde wie ein Studioalbum: mit allen gängigen Plugins und einigen, die sich über die Jahre bewährt haben, etwa Pulsar Modular für Bandsättigung, und mit Outboard. Das muss nicht teuer sein: Wir arbeiten mit Nachbauten von Warm Audio: dem EQP-WA im Pultec-Stil, den Kompressoren WA76 und WA-2A, dem Bus-Comp auf der Summe und WA273-Preamps im Neve-Stil, dazu mit dbx-Kompressoren. Günstig, aber klanglich für diesen Zweck absolut ausreichend.

Das Publikum behandeln wir getrennt. Applaus und Reaktionen kommen, wenn vorhanden, aus eigenen Mikrofonen und werden zwischen den Songs bewusst eingesetzt, nicht als Dauerteppich unter der Musik.

Die Ausnahme: Klassik

Bei Orchester, Chor, Kammermusik oder Klavier kehrt sich das alles um. Dort ist der Raum Teil des Instruments. Ein Flügel in einem guten Saal klingt nicht trotz, sondern wegen des Raums. Hier nehmen wir den Raum nicht heraus, sondern wählen die Mikrofonierung so, dass er in der richtigen Balance mit auf die Aufnahme kommt, meist mit einem Hauptmikrofon-System und wenigen Stützen. Mehr dazu im Artikel Orchester aufnehmen: Stereo oder Mehrkanal?

Checkliste für Aufnahmen in schwierigen Räumen

Kurz zusammengefasst

Ein schwieriger Raum ist kein Grund, auf eine Live-Aufnahme zu verzichten. Er verschiebt nur die Arbeit: weg von „Raum einfangen“, hin zu „Raum kontrollieren“. Nah mikrofonieren, Übersprechen gezielt reduzieren statt gaten, der DI-Gitarre ihren Korpus zurückgeben, Phase ausrichten, Drums nur stützen, wo nötig, und am Ende einen Raum bauen, der zum Song passt.

Wie das im Ergebnis klingt und aussieht, zeigt der Konzertfilm aus dem Bunker: Bunkerkonzert: WeLive im NATO-Bunker Lahr.

Häufige Fragen

Kann man Hall aus einer Live-Aufnahme komplett entfernen?
Nein. De-Reverb-Werkzeuge können den Raumanteil reduzieren, aber nicht vollständig entfernen, ohne dass Artefakte entstehen. Je mehr Direktsignal schon bei der Aufnahme auf den Spuren ist, desto mehr Spielraum bleibt im Mix.
Warum keine Gates gegen Übersprechen?
Bei Live-Aufnahmen ist das Übersprechen oft fast so laut wie das eigentliche Signal. Ein Gate trennt dann nicht sauber und lässt das komplette Übersprechen wieder durch, sobald es öffnet. Werkzeuge auf Basis von maschinellem Lernen reduzieren Übersprechen auch, während das Instrument spielt.
Wie bekommt eine DI-Akustikgitarre wieder einen natürlichen Klang?
Wir spielen die DI-Spur über einen Lautsprecher ab, stellen eine echte Gitarre davor und mikrofonieren sie. Der Korpus schwingt mit und liefert den Klang, der dem Tonabnehmersignal fehlt. Dieses Signal wird dem DI im Mix beigemischt.
Ersetzt ihr Schlagzeug durch Samples?
Nein. Wenn nötig, stützen wir Snare oder Bassdrum mit Samples, die dem Original beigemischt werden. Dynamik und Spielweise kommen weiter vom echten Schlagzeug.
Gilt das auch für Klassik?
Nein. Bei Klassik ist der Raum Teil des Klangs. Dort wird er bewusst mit aufgenommen, meist mit einem Hauptmikrofon-System und wenigen Stützmikrofonen.

Eine Live-Aufnahme aus einem schwierigen Raum?

Schickt uns eure Mehrspuren oder beschreibt kurz, was ihr aufgenommen habt. Wir sagen euch ehrlich, was daraus werden kann.

Live-Mitschnitt mischen lassen