Ein Proberaum, der aussieht wie ein Bunker, weil er einer ist: Für WeLive Episode 16 mit dem Lahrer Singer-Songwriter Attila Reißmann haben wir nicht in einem Studio gedreht, sondern in einem echten ehemaligen NATO-Kommandobunker auf dem stillgelegten Fliegerhorst Lahr – demselben Bunker, in dem schon in den 1990ern die Band Scaramouche probte und seit über 25 Jahren die Bands der Lahrer Rockwerkstatt proben, und der schon bald abgerissen wird.
Auf einen Blick
- Rolle punchline studio
- Regie, Produktion, Kamera, Schnitt, Color Grading, Mixing & Mastering
- Team
- Maik Styrnol (Regie, Produktion, Schnitt), Raphael Federer (DoP, Set-Design, Color Grading), Franz Weber (Kamera)
- Ton
- Lars Hummel (Tonaufnahme, Live-Sound)
- Format
- WeLive Episode 16 – Attila Reißmann, Album „Lila"
- Ort
- Ehemaliger NATO-Kommandobunker der Lahrer Rockwerkstatt e. V., Fliegerhorst Lahr
- Premiere
- 30. Oktober 2025
Die Location: Ein Bunker mit Verfallsdatum
Für dieses Intro sind wir bewusst nicht ins Bunkerinnere gegangen, sondern zunächst auf das weitläufige Gelände drumherum: Industriebrachen, alte Rollbahnen, Zäune, so still gefilmt und vertont, als käme ein Fernsehbeitrag aus den 1950ern über eine vergessene Subkultur. Genau diese Subkultur ist der eigentliche Kern der Geschichte, denn der Bunker, in dem Attila Reißmann und seine Band später spielen, ist kein Kulissenbau. Es ist ein echter, historischer Ort mit einer eigenen, langen Geschichte in der Lahrer Musikszene – und mit einem Ablaufdatum, das inzwischen feststeht.
Vom Fliegerhorst zur Untergrundszene: Die Geschichte des Bunkers
Der Bunker steht auf dem Gelände des ehemaligen Fliegerhorsts Lahr, einem der größten NATO-Militärflugplätze Süddeutschlands im Kalten Krieg. 1952 wurde er zum NATO-Stützpunkt für französische Kampfjets, ab 1967 übernahm die kanadische Luftwaffe den Platz als europäisches Hauptquartier ihrer NATO-Streitkräfte – mit CF-104- und später CF-18-Kampfjets sowie einer Helikopterstaffel. Die Landebahn ist rund 3.000 Meter lang und für schwere Militärmaschinen ausgelegt, eine der größten ihrer Art in der Region. Von 1962 bis 1971 lagerten hier zudem amerikanische Atomsprengköpfe vom Typ MK 28, mehrere davon rund um die Uhr einsatzbereit – ein aktiver Frontstandort des Kalten Krieges am Fuße des Schwarzwalds. 1994 zog Kanada nach dem Ende des Kalten Krieges endgültig ab, die Basis wurde aufgelöst.
Was danach mit den zurückgelassenen Bunkeranlagen passierte, ist der eigentlich spannende Teil der Geschichte – und sie beginnt früher, als man denkt: Schon in den 1990er-Jahren probte die Lahrer Band Scaramouche, die wir selbst in unserer Musik-Doku „Heart and Soul" porträtieren, in genau diesem ehemaligen Kommandobunker – lange bevor es dort eine organisierte Rockwerkstatt oder andere Bands gab. Hier entstanden auch eigene Songs, besonders für das Album „Belle". Erst nachdem sich Scaramouche 2001 auflöste und die Räume frei wurden, übernahm die Lahrer Rockwerkstatt e. V. – ein bereits seit 1996 aktiver, ehrenamtlicher Verein zur Förderung der regionalen Musikszene – den Bunker offiziell und baute ihn mit über 33.000 Mark, mehr als zwei Drittel davon aus eigener Tasche, zu regulären Proberäumen aus. Seither haben über 25 weitere Bands hier geprobt – aus einem improvisierten Bandproberaum wurde über drei Jahrzehnte hinweg eine der prägendsten Proberaum-Adressen der Lahrer Untergrundszene.
2003 stand der Bunker schon einmal kurz vor dem Aus, als die Eigentümerin das Gelände in ein Museum umwandeln wollte – durch Lobbyarbeit und Unterstützung des damaligen Oberbürgermeisters blieb er erhalten. Diesmal gibt es keine Rettung: Laut einem Kaufvertrag von 1996 muss die Stadt Lahr den Bunker zurückbauen, der Abriss soll im Oktober 2026 beginnen. Für 13 Bands endet damit über Nacht eine mehr als 25 Jahre alte Probenraum-Heimat, die eigentlich noch viel weiter zurückreicht. Unser Dreh im Sommer 2025 gehört damit zu den letzten filmischen Aufnahmen, die in diesen Räumen überhaupt noch entstehen konnten.
Die Verwandlung: Vom Proberaum zum Filmset
Statt eine künstliche Kulisse in den Bunker zu bauen, haben wir das Gegenteil gemacht: Wir haben den echten Proberaum der Band noch mehr wie einen echten Proberaum aussehen lassen. Wände dekoriert mit alten Zeitungsartikeln, Fotos und Konzertplakaten aus der langen Bandgeschichte des Ortes. Gleichzeitig musste der Raum filmisch funktionieren – dafür haben wir ein eigenes Lichtkonzept gebaut, das den Titel von Attila Reißmanns Album „Lila" bewusst in Szene setzt, und sogar die Lüftungsschächte des Bunkers umgebaut, damit Licht durch sie hindurchscheinen kann. Der Aufwand steckte also nicht darin, einen Ort künstlicher wirken zu lassen, sondern ihn gleichzeitig echter und filmisch inszenierter zu machen als er es im Alltag je war.
Die technische Herausforderung: Ton und Bild unter Tage
Ein Bunker ist filmisch reizvoll, akustisch aber fast das Gegenteil eines Konzertraums. Nackter Beton und ein kleiner, kastenförmiger Raum erzeugen harten Flatterhall statt der Raumakustik, die man sich für einen Live-Mitschnitt eigentlich wünscht – die Mikrofonierung musste entsprechend eng und gezielt sitzen, um Reflexionen möglichst schon bei der Aufnahme herauszuhalten, statt sie im Nachhinein aus dem Mix herausrechnen zu müssen. Auch bildseitig war die Location deutlich unnachgiebiger als eine offene Bühne: Gefilmt haben wir komplett in einem einzigen, recht schmalen Raum, was für große Kamerabewegungen kaum Spielraum ließ. Für etwas Dynamik im Bild haben wir eigens einen automatisierten Kamera-Slider an der Decke montiert, der eine Art Kranfahrt über dem Publikum simulierte – die drei Kameras mussten sich in diesem begrenzten Raum entsprechend eng abstimmen, um trotzdem ein bewegtes Bild zu liefern.
Genau dieser Umgang mit schwieriger Akustik und beengten Raumverhältnissen – ob direkt bei der Aufnahme oder später im Mix – ist Kernhandwerk unseres Live-Recording-Mixings.
Die Crew: Drei Kameras in einem engen Bunkerraum
Gedreht haben wir mit nur drei bemannten Kameras – Maik Styrnol, Raphael Federer und Franz Weber. Maik Styrnol führte vor Ort Regie und verantwortete die Produktion, Raphael Federer übernahm die Cinematography und plante gemeinsam mit Maik das Set-Design. Pirmin Styrnol war als Executive Producer für die Finanzierung verantwortlich. Für Ton und Live-Sound war Lars Hummel verantwortlich, bei der Mikrofonierung für die Aufnahme hat Maik Styrnol mitgewirkt. Geschnitten, farblich fertiggestellt und gemischt wurde anschließend im punchline studio.
Ergebnis: Ein Konzertfilm mit doppeltem Boden
Attila Reißmann spielte an diesem Abend gemeinsam mit seiner Band – Patrick Lesser (Piano), Michael Pretzsch (Bass & Gesang), Kora Heitzmann (Gesang) und Bernd Schüssele (Schlagzeug) – ein 16 Songs starkes Set aus seinem Album „Lila". Den Abschluss macht der Song „Bunker 108" – keine zufällige Anspielung, sondern eine Hymne an genau diesen Ort.
Partner & Förderer
Möglich gemacht haben diese Episode die Lahrer Rockwerkstatt e. V. als Location sowie die Bürgerstiftung Lahr (Reichswaisenhaus 1885) als zusätzlicher Förderer. Die Finanzierung sicherte maßgeblich die Zerspanungstechnik-Firma zermet, die dafür die städtische Förderung „Stadtgulden" der Stadt Lahr nutzte.
Was das für dein Projekt bedeutet
Dieser Dreh zeigt, wie wir mit ungewöhnlichen Locations umgehen: nicht überdecken, sondern verstärken. Diese Erfahrung mit Mehrkamera-Konzertfilmen an echten, oft schwierigen Drehorten steckt in jeder Konzertfilm-Produktion, die wir übernehmen. Und wenn statt eines ganzen Konzertfilms ein einzelnes Musikvideo entstehen soll, bringen wir dieselbe Sorgfalt bei Location, Licht und Set-Design mit.
Häufige Fragen
Du hast eine Location, die niemand für einen Konzertfilm halten würde?
Proberaum, Industriehalle, Bunker oder Bühne – wir bringen Kamera, Licht und Set-Design genau dorthin, wo deine Musik am besten wirkt.