Das Konzert ist gespielt, alle sind zufrieden, und irgendwo liegt eine Aufnahme. Die Frage, die uns danach am häufigsten erreicht, ist nicht „was kostet das Mischen" – sondern „wie kriege ich die Spuren eigentlich aus dem Pult raus?". Die gute Nachricht: Fast jedes Digitalpult der letzten zehn Jahre kann mehrspurig aufnehmen. Die schlechte: Man muss es einmal eingerichtet und getestet haben, und zwar vor dem Konzert, nicht danach.
Warum Mehrspur und nicht einfach Stereo
Ein Stereo-Mitschnitt vom Pult ist der fertige Saalmix – abgestimmt auf den Raum, die Anlage und darauf, dass die Bühnenlautstärke schon einen Teil der Arbeit macht. Genau das ist das Problem. Was im Saal funktioniert hat, funktioniert über Kopfhörer nicht: Die Bassdrum, die live durch die Subs kam, fehlt in der Aufnahme fast komplett. Der Gesang, der sich gegen die Bühne durchsetzen musste, ist zu laut. Und die Akustikgitarre, die keiner im Monitor wollte, ist gar nicht da.
Mit einer Mehrspuraufnahme liegt dagegen jedes Signal einzeln vor. Was im Saal falsch gewichtet war, lässt sich neu entscheiden. Das ist der Unterschied zwischen einer Erinnerung an den Abend und einer Veröffentlichung.
Die wichtigste Regel
Teste die Aufnahme einmal komplett durch, bevor es ernst wird – am besten beim Soundcheck des Konzerts, das du aufnehmen willst. Nicht zu Hause im Trockenen, sondern mit dem echten Setup, den echten Kanälen und der echten SD-Karte. Die meisten misslungenen Mitschnitte scheitern nicht an der Technik, sondern daran, dass niemand vorher auf Aufnahme gedrückt hat.
Behringer X32 und Midas M32
Die beiden Pulte sind technisch eng verwandt und in Vereinsheimen, Clubs und auf Bühnen extrem verbreitet. Es gibt zwei Wege.
Direkt auf USB-Stick: Der eingebaute Recorder nimmt zwei Spuren auf – also nur Stereo. Für ein Live-Album reicht das nicht. Nutze diesen Weg nur als Sicherheitskopie parallel zur Mehrspuraufnahme.
Über die X-USB-Karte auf einen Rechner: Das ist der Weg für 32 Spuren. Die Karte ist bei den meisten Pulten bereits eingebaut. Verbinde das Pult per USB mit einem Laptop, installiere den X-USB-Treiber, und nimm in einer beliebigen DAW auf – Reaper ist dafür beliebt, weil es günstig und stabil ist. Wichtig: Stelle im Routing ein, dass die Karte die Signale vor dem Kanalzug abgreift, also pre-fader und pre-EQ. Sonst zeichnest du die Saalbearbeitung mit auf, und die willst du beim Mischen nicht geschenkt bekommen.
Typischer Fehler: Aufnahme post-fader. Wenn der Techniker im Konzert den Gesangsfader zieht, zieht er ihn in der Aufnahme mit. Das lässt sich später nur mühsam wieder ausgleichen.
Allen & Heath SQ und Avantis
Die SQ-Serie kann mit der optionalen SD-Karte direkt mehrspurig aufnehmen – bei der SQ sind das je nach Modell bis zu 32 Spuren, ohne dass ein Rechner nötig ist. Das ist der bequemste Weg überhaupt: Karte rein, Aufnahme starten, fertig. Achte auf eine schnelle Karte; billige SD-Karten produzieren Aussetzer, die sich nicht reparieren lassen.
Alternativ läuft die Aufnahme über Dante oder über die USB-B-Schnittstelle in eine DAW. Beim Avantis ist Dante der übliche Weg. Auch hier gilt: Abgriff pre-fader einstellen.
Yamaha QL und CL
Bei den Yamaha-Pulten läuft die Mehrspuraufnahme über Dante. Zwei Möglichkeiten: Dante Virtual Soundcard als Software-Treiber auf einem Rechner, dann Aufnahme in einer DAW – oder Nuendo Live, das genau für diesen Zweck gebaut wurde und die Kanalnamen automatisch übernimmt. Letzteres ist im Konzertalltag angenehmer, weil die Spuren hinterher nicht „Ch01" bis „Ch32" heißen.
Plane etwas Vorlauf ein: Dante braucht ein sauberes Netzwerk, und die Einrichtung von Clock und Routing dauert beim ersten Mal länger, als man denkt.
Behringer Wing, Presonus StudioLive und andere
Das Wing nimmt bis zu 64 Spuren direkt auf SD-Karte auf – ohne Rechner, ohne Zusatzkarte. Für Live-Mitschnitte ist das eines der unkompliziertesten Systeme, die es aktuell gibt.
Presonus StudioLive nimmt über die mitgelieferte Software Capture auf, bei den neueren Modellen ebenfalls direkt auf SD. Soundcraft Vi und DiGiCo laufen in der Regel über MADI oder Dante in einen separaten Recorder – hier lohnt sich die Absprache mit dem Techniker vor Ort.
Was wir zum Mischen brauchen
Unabhängig vom Pult ist die Übergabe immer gleich unkompliziert:
Format: WAV, 24 bit oder 32 bit float, in der Sample-Rate der Aufnahme (meist 48 kHz). Keine MP3s, auch nicht „nur zum Reinhören".
Struktur: Ein Ordner pro Konzert, die Spuren gleich lang und am selben Punkt beginnend. Wenn deine Software Einzeldateien pro Kanal ausgibt, ist das ideal. Ein einzelnes Multichannel-File geht auch – wir trennen es hier auf.
Namen: Wenn du vor dem Konzert zwei Minuten investierst, um die Kanäle im Pult zu benennen, sparst du dir später eine Rückfrage. „Kick, Snare, HiHat, OH L, OH R, Bass DI" ist Gold wert. „Ch01" bis „Ch32" bedeutet, dass wir raten müssen.
Dazu: Eine Setlist mit ungefährer Reihenfolge und, falls vorhanden, ein Handy-Video vom Abend. Das klingt banal, hilft aber enorm bei der Orientierung – gerade bei Konzerten mit vielen kurzen Stücken.
Kurz zusammengefasst
- Mehrspur statt Stereo – ein Pult-Stereomix ist auf den Saal optimiert, nicht auf Kopfhörer
- X32/M32 über X-USB-Karte, SQ und Wing direkt auf SD, Yamaha QL/CL über Dante
- Immer pre-fader und pre-EQ abgreifen, sonst nimmst du die Saalbearbeitung mit auf
- Kanäle vor dem Konzert benennen und die Aufnahme einmal komplett testen
- Übergabe als WAV 24 bit, ein Ordner pro Konzert, Spuren gleich lang
Häufige Fragen
Wenn du unsicher bist, ob dein Setup für eine brauchbare Mehrspuraufnahme reicht, schreib uns kurz vor dem Konzert. Und wenn die Aufnahme schon vorliegt: Schick uns zwei, drei Rohspuren, dann sagen wir dir ehrlich, was daraus wird. Wie das abläuft, steht unter Konzertmitschnitte mischen lassen.