Virtuelle und “reale” Instrumente

Zweifellos haben Samples seit ihrer Einführung in den 1960er-Jahren das Musikgeschäft erobert und werden seitdem von den kreativen Köpfen hinter den Mischpulten in einer Art Hassliebe regelmäßig verwendet, verflucht und bejubelt.

Besonders der Beruf des Komponisten – ob für Film, Radio oder Computerspiele – hat sich seit der Einführung drastisch verändert. Seitdem gibt es in der Musikproduktion kaum ein Thema, das so häufig diskutiert wird, wie der Gebrauch von Samples.


Aber was sind Samples eigentlich?

Samples sind im Grunde vorgefertigte „Audioschnipsel“ die von Komponisten und Musikproduzenten aneinander gehängt werden können, um somit wiederum neue Ton- oder Geräuschfolgen zu erzeugen.

War diese Erklärung vor 30 Jahren noch zutreffend, kann sie die Komplexität und Vielseitigkeit von Samples, mit der sich der „moderne“ Komponist auseinandersetzen muss, nicht mal mehr ansatzweise beschreiben. Das liegt daran, dass die heutigen Samples kaum noch mit jenen zu vergleichen sind, die wir aus früheren Werken kennen.

Solche „Audioschnipsel“, wie sie beispielsweise Pink Floyd in ihrem Hit „Money“ benutzten, wurden damals gerne genommen, bestanden aber noch nichtmal aus Musikinstrumenten. Wahrscheinlich kennt sie fast jeder: die Endlosschleife des „Kassengeräusches“ zu Beginn des Songs. Und doch hat auch dieses Beispiel kaum noch etwas mit dem zu tun, was heutzutage als „MIDI-Produktion“ gilt.


Heute gibt es ganze Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Samples für Profimusiker zu erzeugen. Sie haben es sich zum Ziel gesetzt, die Vielseitigkeit von Instrumenten und Musikern so nachzubilden, dass ein Mensch, der dieses Instrument nicht beherrscht, es trotzdem am Computer täuschend echt erklingen lassen kann. Ausreichende Kenntnisse in Instrumentenkunde und Komposition sind aber natürlich immer noch vonnöten.

Heutzutage von Samples zu sprechen ist eigentlich nicht mehr korrekt. Der Begriff „virtuelles Instrument“ trifft es da schon viel eher, doch ein großer Irrtum wäre zu denken, dass das am Computer entstandene Instrument nicht „echt“ wäre. Die Produktion eines virtuellen Instrumentes zieht sich heute leicht über einige Jahre, die einzelnen Schritte exakt zu beschreiben würde wohl ähnlich lange dauern.


Hier die Kurzfassung: Ein Musiker wird in ein Studio eingeladen, wo er an seinem Instrument unter der Führung eines Teams – welches aus Tonmeistern, Programmierern und vorzugsweise auch Komponisten besteht – wochenlang alles aus seinem Instrument rausholen muss, was es zu bieten hat. Und so kann es vorkommen, dass ein Musiker tagelang im Studio oder im Konzertsaal steht und einen einzigen Ton in jeder Spielweise (Marcato, Legato, Staccato uvm.) und jeder Intensität in verschiedenen Variationen in ein Mikrofon spielt.

Die selbe Technik wird natürlich auch für Ensembles und ganze Orchester verwendet. Wie auch bei einer normalen Orchesteraufnahme, werden die Musiker von mehreren, überall im Raum verteilten, Mikrofongruppen aufgezeichnet. So kann auch der Raumklang wie in einer normalen Orchesteraufnahme aufgenommen werden – und das Verhältnis zwischen Instrument und Raum exakter gesteuert werden.

Um als Komponist auch das Vibrato steuern zu können, ist es zusätzlich sehr nützlich, auch davon verschiedene Typen aufzunehmen, die man als Anwender dann fließend ineinander übergehen lassen kann.


Nach der Aufnahme, folgt der nächste Schritt. Der erschließt sich vermutlich nur den Programmierern des Instrumentes komplett. Denn hier wird die Möglichkeit erzeugt, mir, dem Komponisten, diese zigtausende vorher aufgenommen Samples zu verknüpfen. Eine gute virtuelle Violine gibt dem Komponisten somit die Möglichkeit, alle Noten und Spielweisen so mit einander zu verknüpfen, wie er es möchte.

Im bestmöglichen Fall ohne irgendwelche Grenzen zu setzen, die das Instrument nicht auch hat.

Dadurch gibt man dem Komponisten theoretisch die Möglichkeit, selbst alles anzuwenden, was auf dem Instrument spielbar ist. Angefangen von dem Anschlag des Bogens und der Richtung, in der er gespielt wird, bis hin zur Lautstärke, der Intensität, der Dauer mit der er über die Saiten gleitet und der Art des Übergangs zum nächsten Ton.

Mit virtuellen Instrumenten zu komponieren ist also weit mehr, als einfach nur Noten zu schreiben….. Eigentlich ist man als Komponist auf diese Weise auch der Interpret seines Werkes. Um die Möglichkeiten, die solche Samples mit sich bringen aufzuzeigen, hier zwei Beispiele eines Sample-Herstellers. So kann ein fertiges, virtuelles Instrument am Computer benutzt werden. In unserem Fall, eine Geige:

Im nächsten Video haben sich besonders stolze Produzenten eines virtuellen Instrumentes den Scherz erlaubt, das real gespielte Instrument ab der Hälfte des Videos mit einem virtuellen zu ersetzen. Und der Erste, der rausfindet, ab welcher Stelle das virtuelle Instrument beginnt und das reale aufhört, der bekommt ein Geburtstagsständchen von uns – individuell gestaltet… 😉


Und, erkannt? Wenn ja, dann schickt uns eine Mail – soll schließlich niemand behaupten können, dass die ONchAIR Bros. ihre Versprechen nicht halten… 😛

Na, jetzt aber wieder im Ernst:

Wie und warum werden virtuelle Instrumente benutzt?

Wie zu Beginn bereits erwähnt, verwenden einige der größten Komponisten unserer Zeit regelmäßig virtuelle Instrumente.

Oft sind sie sogar im fertigen Produkt zu hören, manchmal werden sie auch nur verwendet, um dem Auftraggeber vermitteln zu können, wie die Komposition klingen könnte, wenn sie später von der Band oder dem Orchester gespielt wird.


In Soundtracks von Komponisten wie Hans Zimmer, Danny Elfman oder John Powell ist zum Beispiel selten zu unterscheiden, was von dem gehörten ein “echtes” und was ein “virtuelles” Instrument ist.

Viele werden sich fragen, warum diese Komponisten virtuelle Instrumente benutzen. Schließlich haben die Filme, für die sie engagiert werden oftmals ein Budget von mehreren hundert Millionen Dollar und was machen da schon die Produktionskosten für eine Orchestereinspielung aus?

Die Erklärungen sind recht simpel: Viele Komponisten genießen es, schon während dem Komponieren mit dem Sound experimentieren zu können. Schließlich gibt es nichts schöneres, als eine Filmszene vor sich liegen zu haben und nach tagelangem, frustrierendem herumexperimentieren kurz vor dem Aufgeben endlich den Sound oder das Instrument gefunden zu haben.

Außerdem ist es mit dieser Methode sofort und in jedem Stadium der Komposition möglich, seine soeben entstandene Komposition sofort anzuhören – und wenn nötig zu ändern oder ganz über den Haufen zu werfen.

Das wiederum kommt der Zusammenarbeit mit Nicht-Musikern zugute – die können mit einem Berg Notenpapier ja meist recht wenig anfangen…

So etwas mit “realen” Instrumenten zu bewerkstelligen ist ein Zeitaufwand, den die meisten Komponisten nicht aufbringen können.


Selbst in Hollywood läuft in der Produktion eines Filmes oft so viel schief, dass der Komponist nur noch sehr wenig Zeit hat um die Musik passend genau zu komponieren. So musste zum Beispiel James Horner den Soundtrack zu “Troja” innerhalb von zehn Tagen schreiben. Angeblich deshalb, weil das Test-Publikum mit dem schon fertigen Soundtrack, übrigens geschrieben von einem anderen Komponisten, nicht zufrieden war. James Horner sprang ein, komponierte zehn Tage durch – und der Film kam in die Kinos… Wenngleich der Name Horner nicht unbedingt dafür steht, Samples zu verwenden, muss auch er erleichtert daruber gewesen sein, unter Zeitdruck ein paar Trommeln “aus der Box” einfügen zu können.

Zusätzlich zu herkömmlichen Instrumenten werden auch immer häufiger Instrumente gesampled, welche für den “Wohnzimmerkomponisten” nicht zu erzeugen sind.

So wären ein 200 Kopf starker Chor, ein Ensemble mit 30 Taikos oder sogenannte Hybrid- Instrumente wie z. B. zu einem Drumset zusammengestellten von einem Kran herabgeworfene Busse nicht allzu einfach nachzubilden.

Das Drumset mit den Bussen gibt’s übrigens wirklich. Glaubt ihr nicht? Hier der Beweis:

Imperfektion

Generell ist es unter Komponisten bereits sehr verbreitet, vor allem die Percussion in Orchesterwerken mit Samples „aufzufrischen“, bzw. zu verstärken oder komplett zu ersetzen. Anders herum werden aber auch gerne Solo-Instrumente von Instrumentalisten eingespielt um dem virtuellen Orchester mehr „Leben“ einzuhauchen.

Letztendlich sind virtuelle Instrumente immer nur so gut, wie der Komponist sie am Computer einzusetzen weiß. Eine Violine klingt schließlich noch lange nicht gut, nur weil man im richtigen Moment die richtigen Töne spielt. Und genau das kann dem menschlichen Ohr sogar erst verraten, dass es eben ein virtuelles Instrument war – denn kein Musiker spielt perfekt.

Kleine Eigenheiten und Variationen beim Spiel von Künstlern wie Itzhak Perlman, Samvel Yervinian oder Jascha Heifetzbringen das Instrument erst zum Leben, wenngleich sie technisch gesehen eben nicht perfekt spielen.

Troels Folmann, Produzent von Sample-Libraries spricht hierbei von „perfect imperfection“ also das „perfekte Unperfekte“. Das ist mit virtuellen Instrumenten natürlich nur sehr schwer zu finden… Trotzdem versuchen Sample-Hersteller genau das – immer wieder sogar mit Erfolg – zu erreichen.