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Maiks Geschichte zur Entstehung

Von skandinavischen Trollen und quirligen Sängerinnen


Am 22. November sitze ich mit Pirmin im Studio. Wir versuchen gerade zu ermitteln, ob der norwegische Abenteurer Peer Gynt wirklich so sympathisch ist, wie er gerne dargestellt wird, um den geeigneten Text für eine Moderation zu Edvard Griegs „Peer Gynt Suite“ zu schreiben. Diese soll Pirmin dann bei einem klassischen Konzert zwischen den Stücken sprechen.

Wie es sich für einen Aufnahmeleiter gehört, reagiere ich schon leicht gereizt, als während der Sprachaufnahme plötzlich Pirmins Handy klingelt und mich aus der Traumwelt Peer Gynts reißt.

Er nimmt ab, verschwindet aus der Tür und ich versuche, den bereits aufgenommen Takes die beste Interpretation zu entwirren. Aus der Ferne kann ich vernehmen, dass es sich am Telefon wohl um die Schwester von Pirmins Kollegen Michael Dittrich vom SWR handelt.

Der Name „Gabi“ ist mir schon bekannt, ich weiß auch, dass sie Autorin und Sprecherin ist. Aber dass sie ihr geschriebenes Wort auch gerne mal singt, soll ich erst später erfahren.

Ohne zu wissen, dass es sich in dem Gespräch um mich dreht, wende ich mich also wieder dem eigentlichen Thema zu: Peer Gynt ist mittlerweile in Marokko angekommen und als Sklavenhändler aktiv. Irgendwie doch ziemlich unsympathisch…

Während ich meine ursprüngliche Ansicht über Peer überdenke, bekomme ich plötzlich Pirmins Handy ans Ohr gedrückt und eine aufgeregte Stimme stellt sich als Gabi Saler vor. Sie will wissen, ob ich in den nächsten Tagen Zeit habe. „Klar habe ich Zeit…“, sage ich überrumpelt und denke dabei heimlich immer noch über skandinavische Trolle und orientalische Tänzerinnen nach. Die Auswirkungen dieser Antwort werden mir erst in den nächsten zwei Minuten klar, in denen mir Gabi erklärt, dass sie einen Text und die dazugehörige Melodie geschrieben habe, welche sie von mir vertont und dann noch vor Weihnachten veröffentlicht haben will.

Eine Komposition innerhalb von einem Monat zu veröffentlichen ist oft schon eine fast unmögliche Angelegenheit, aber wenn diese noch nicht einmal geschrieben ist, kann es durchaus noch etwas unmöglicher werden. Die Weihnachtszeit, in der eigentlich nur Songs mit netten Glöckchen und noch netteren Texten gefragt sind, macht das Vorhaben auch nicht direkt einfacher.

Trotzdem bin ich sehr gespannt auf den schon fertigen Teil, lade Gabi ins Tonstudio ein und erkläre ihr – mir ein Beispiel an Peer Gynts Übertreibungen nehmend – voller Zuversicht, dass es sicherlich möglich sei, das alles in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen.

Ich lege also auf und sehe mich nach Pirmin um. Dieser hat sich inzwischen abgesetzt um sich wieder dem norwegischen Taugenichts zu widmen. Gefunden, erzähle ich ihm von dem hanebüchenen Vorhaben, den Song bis Weihnachten zu schreiben, aufzunehmen, abzumischen und zu vermarkten. Er nickt es nur ab. Schließlich habe wir zu zweit auch schon ganze Radiofeatures in kürzerer Zeit produziert.

Sauer, dass er mir nicht abnimmt, dass die Zeit viel zu knapp ist, versuche ich mir andere Gründe einfallen zu lassen, weshalb es nicht funktionieren könnte. Bis ich zu dem Schluss komme, dass es eigentlich keine gibt, solange sich herausstellt, dass Gabi auch tatsächlich singen kann.


Zwei Tage später ist Peer Gynt wieder wohlbehalten in Norwegen angekommen, geschnitten, abgemischt und aufgeführt. Ob er nun sympathisch ist oder nicht, haben wir einfach rausgelassen. Sollen das die Leute doch selbst entscheiden… Seine Freundin Solveig jedenfalls ist ziemlich nett – die hat immerhin jahrzehntelang auf ihren Peer gewartet, während sich dieser mit Königen, Trollen und sonstigem rumgeplagt hat…..

Ich laufe, mit Gedanken noch beim Frühstück, gerade mit meinem Kaffee durch den Hof ins Tonstudio, als ich hinter mir das Gartentor zuschlagen höre. Ich drehe mich um und sehe eine quirlige Frau auf mich zulaufen und mit den Armen rudern. Sie gibt mir die Hand, obwohl ich das Gefühl habe, dass sie mich lieber in den Arm nehmen würde. „Gut,“ denke ich. „Wenigstens sie glaubt schon an uns…“

Im Tonstudio angekommen, legt sie mir den Text hin und fängt an zu reden. Direkt merke ich, dass wir uns verständigen können und es bei der ersten Meinungsverschiedenheit nicht gleich Ärger geben wird. Schon mal ein guter Anfang.

Nach einem schnellen Austausch über das, was wir erreichen wollen, will sie mir vorsingen, wie sich der Song anzuhören habe. Also stelle ich kurzerhand ein Mikrofon auf, öffne Pro Tools und drücke auf „record“. Das ONchAIR-Schild blinkt auf und ich bin bereit zur Aufnahme. Wäre ja eine Verschwendung, das später machen zu müssen.

Deshalb singt sie direkt mal ein. Und ich bin schwer erleichtert. Sie kann singen. Und die Melodie funktioniert.

Wir diskutieren noch ein wenig über den Song, bis ich zum Entschluss komme, dass es eigentlich gar nicht mehr viel zu reden gibt. Ich habe alles Nötige um mir Gedanken machen zu können, also bugsiere ich sie zur Tür hinaus um in Ruhe zu arbeiten. Wie sie das empfunden hat, kann man hier nachlesen.

Von da an nimmt alles seinen üblichen Gang. Ein paar Versionen hin- und hergeschickt, viel geredet, ein paar Versionen eingesungen, viel geredet, am Ende alles in verschiedenen Versionen abgemischt und noch einmal darüber geredet. Ein Cover kreieren, darüber reden und separat ein Label finden, welches dazu bereit ist innerhalb einer Woche alles zu veröffentlichen und uns tatsächlich noch etwas von den Einnahmen übrig zu lassen.

Und jetzt heißt es warten… Bis iTunes und Konkurrenz sich endlich dazu entscheiden, den Song noch rechtzeitig zu veröffentlichen…

Fast wie Peer Gynts große Liebe Solveig. Die hat auch gewartet….. 30 Jahre lang………